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TSV Vaterstetten e.V. - Leichtathletik
Leichtathletik für Wettkämpfer, Leistungssportler und Freitzeitathleten

Schwierige Hallensaison mit drei WM-Titeln beendet

Gerhard Zorn berichtet von der Senioren-Hallen-WM (mit Videoausschnitten)

09.04.2019 | von Gerhard Zorn


Thumb gerhard zorn 400 m torun 2019 Vorsprung herausgelaufen: Gerhard Zorn im 400-m-Finale nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke. Hinter ihm der Brasilianer Melo. (Foto: Veranstalter)

Bei der Senioren-Hallen-Weltmeisterschaft vom 24. bis 30. März im polnischen Torun waren auch „die üblichen Verdächtigen“ vom TSV Vaterstetten für Deutschland am Start: Gerhard Zorn und Guido Müller. Hier der Bericht von Gerhard Zorn, der bei jedem seiner drei Starts gewinnen konnte.

Thumb gerhard zorn 200 m torun 2019 Schlussspurt im 200-m-Finale: Gerhard Zorn gewinnt auf ganz außen auf Bahn 6. (Foto: Veranstalter)

„Ich hatte für Torun in der Altersklasse M60 für die 200 m und 400 m gemeldet und die Teilnahme an der 4x200m-Staffel eingeplant. Die diesjährige Hallensaison verlief zu Beginn sehr unglücklich, denn bis Mitte Februar musste ich fast jedes Training wegen Schmerzen in den Waden abbrechen. Erst kurz vor der Deutschen Meisterschaft Anfang März waren die Schmerzen endlich weg (--> hier nachlesen). So vorsichtig ich bis dahin gewesen war, so intensiv ging ich jetzt die weitere Vorbereitung an. Kurz vor der WM war ich der Meinung, dass ich die 200 m ganz gut würde durchhalten können, für die 400 m sah ich Probleme, hoffte aber doch auf Medaillen.

Am ersten Tag der Wettkämpfe ging es für mich mit dem 400-m-Vorlauf los. Es gab nur 21 Teilnehmer, deswegen würde es keine Semifinale geben, sondern zwei Tage später sollte gleich das Finale stattfinden. Man musste deswegen seinen Vorlauf gewinnen, um sich sicher zu qualifizieren und nicht nur vielleicht über die Zeit als „lucky loser“. Ich war im letzten von vier Vorläufen und konnte die anderen Aspiranten genau beobachten. Ich hatte kein Problem, meinen Lauf zu gewinnen, aber dafür, dass die Zeit mit 59,25 Sek. nicht gut war, war es doch recht anstrengend.

Meine Hauptkonkurrenten waren der Brasilianer Israel Melo und Jan Czastka aus Polen. Melo kenne ich seit vielen Jahren. Er läuft meist nur, wenn er neu in eine Altersklasse aufgerückt ist und gewinnt dann auch meistens. Czastka hatte mich in seinem Vorlauf besonders beeindruckt. Er läuft auch Mittelstrecke, was sich darin zeigte, dass er den bis dahin führenden Amerikaner James Chinn bei 300 m buchstäblich stehen ließ. Am Ende hatte ich zwar die zweibeste Vorlaufzeit, aber insgesamt blieben vier Läufer unter 60 Sekunden, was mich überraschte und mir Sorgen machte.

Alle meine bisherigen 400-m-Rennen in diesem Jahr hatte ich auf den ersten 200 m vertrödelt und nahe 59 Sekunden abgeschlossen. Da würde es nichts mit einer Medaille werden. Ich musste deutlich schneller anlaufen und riskieren, am Ende einzubrechen. In meinen Trainingsaufzeichnungen (ich protokolliere im Training über die 400 m alle 50-m-Teilstrecken) konnte ich sehen, dass ich die ersten 200 m in 26,5 bis 27,0 Sek. anlaufen kann, wenn ich noch schneller war, bekam ich später im Lauf Probleme. Nur ist es nicht so einfach, 26,5 Sek. gezielt anzulaufen, wenn man nicht genügend Trainingsläufe in den Beinen hat. Aber egal, das war meine einzige Chance und die wollte ich nutzen.

Ich ging also das 400-m-Finale sehr schnell an, überholte den rechts vor mir laufenden Polen Czastka bereits nach 50 m und überrumpelte mit dem schnellen Anlauf auch den Brasilianer Melo. Meine 200-m-Durchgangszeit war 26,35 Sek.
Nur um einen Eindruck zu geben, wie riskant das war: Bei der diesjährigen Deutschen Meisterschaft kam beim 200-m-Lauf der Zweite mit 26,73 Sek. hinter mir ins Ziel. Ich hatte aber nochmal 200 m vor mir. Mir kam bei meiner Durchgangszeit schon der Gedanke, dass ich da vielleicht übertrieben hätte. Aber ich fühlte mich noch gut und konnte gleichmäßig weiterlaufen.

Meine 300-m-Durchgangszeit lag dann bei ca. 41,5 Sek. Damit war ich sehr zufrieden, denn das ließ auf eine gute Endzeit schließen. Ich fühlte mich weiterhin gut (was bei 300 m eigentlich untypisch ist), wusste aber nicht, wie weit meine Konkurrenten hinter mir lagen. Erst am Ende der Zielkurve konnte ich mit einem kurzen Blick über die Schulter erkennen, dass mir nicht der Pole mit seinem Mittelstreckler-Durchhaltevermögen auf den Fersen war, sondern der Brasilianer und das mit mehr Abstand, als ich gedacht hatte. Da wachsen einem natürlich im Gegensatz zum Training neue Kräfte und helfen, den Lauf, wenn auch unter Schmerzen, ins Ziel zu bringen. Am Ende war ich eine Sekunde vor Melo und Czastka. Die Zeit war mit 56,39 Sek. eine Zeit, die ich in der Halle das letzte Mal vor fünf Jahren bei der Hallen-WM in Budapest gelaufen bin. Vom Weltrekord, der bei 55,62 Sek. liegt (Harold Morioka, 2003) war ich noch ein gutes Stück weg.

Damit hatte ich mehr erreicht, als ich hoffen konnte. Dem 200-m-Vorlauf sah ich recht entspannt entgegen. Es sollte sieben Vorläufe geben, am Folgetag nachmittags das Semifinale und abends das Finale. Ich gewann meinen Vorlauf deutlich mit 26,35 Sek., also exakt meine Durchgangszeit beim 400-m-Finale. Es fühlte sich aber nicht gut an und ich nahm mir vor, beim Semifinale voll zu laufen.

Im 200-m-Halbfinale konnte ich mich dann selbst mit einer Zeit von 25,38 Sek. überraschen. Schneller war ich in der Halle das letzte Mal vor genau zehn Jahren. Ebenso überraschend war, dass mehrere Läufer deutlich unter 26 Sek. blieben und der Türke Güner Güngör exakt meine Zeit erreichte. Am Ende der Semifinale gab es neben mir noch drei weitere Favoriten: den türkischen Mitstreiter, aber auch den Franzosen Charly Perochon und den Belgier Paul-Emile Chenois. Ich wusste, dass keiner von den dreien die 400 m läuft, sondern maximal die 200 m. Zudem sollte das Finale ein paar Stunden nach dem Semifinale stattfinden. Das waren Punkte, die für mich sprachen. Eine besondere Taktik, wie beim 400-m-Finale, brauchte ich für die 200 m nicht. Die läuft jeder trainierte Läufer mehr oder weniger voll bis zum Schluss.

Ich hatte für das 200-m-Finale die Bahn 6, also ganz außen zugeteilt bekommen. Ich lief voll an, hatte aber ausgangs der Zielkurve einen kleinen Fehltritt und musste korrigieren, was mich sicher ein paar Hundertstel gekostet hat. Aber nachdem auf den Bahnen links von mir keiner meiner Konkurrenten zu sehen war, war mir zu diesem Zeitpunkt auch schon klar, dass da vermutlich auch keiner mehr kommen würde. Da zahlt sich die Ausdauer eines 400-m-Läufers natürlich aus. Das zeigte sich dann auch im Vergleich der Zeiten. Ich gewann mit 25,30 Sek., hatte mich also gegenüber dem Semifinale noch etwas verbessert. Meine drei Hauptkonkurrenten erreichten ihre Semifinalzeiten dagegen nicht mehr.

Heimlich hatte ich bei diesem Lauf gehofft, vielleicht den Deutschen Rekord von 25,21 Sek. (Reinhard Michelchen) verbessern zu können. In der Analyse des Videos musste ich aber feststellen, dass ich deutlich später als alle anderen aus dem Startblock kam. Beim Start und ausgangs der Zielkurve hab ich wohl mehr als ein Zehntel liegen gelassen.

Am letzten Tag der WM fanden die Staffelläufe statt. Wir waren in der glücklichen Lage, unser Team für die 4x200 m mit vier Läufern bestücken zu können. Nationen mit weniger Teilnehmern müssen sich da oft mit Sportlern aus andern Disziplinen verstärken. Unser Startläufer war Heiner Lüers (TSG Westerstede). Er lief schon einen schönen Vorsprung heraus und übergab an Detlef Döpping (Gothaer Leichtathletik Centrum), dieser an Gunter Langenbach (1. FC Passau). Ich bekam den Staffelstab als Schlussläufer bereits mit deutlichem Vorsprung und konnte ungefährdet zum Sieg laufen.

Damit ging meine zu Beginn schwierige, am Ende aber erfolgreiche Hallensaison zu Ende. Wenn ich nachdenke, warum meine Zeiten bei der WM so viel besser waren als in den Vorjahren, dann führe ich das im Wesentlichen auf die Trainingsmöglichkeit in der Werner-von-Linde-Halle in München zurück, die ich in den Vorjahren nicht in gleicher Weise nutzen konnte. Dazu kommen natürlich Systematik und Disziplin im Training.

Die WM in Torun war eine hervorragend organisierte Veranstaltung in einer sehr schönen Halle. Es klappte mit wenigen Ausnahmen alles fast auf die Minute. Was alle Teilnehmer sehr schätzten, waren die täglich mehrstündigen Live-Streams, die man sich auch heute noch auf YouTube ansehen kann. Die Links zu meinen Finalläufen und der Staffel stehen weiter unten. Die Links müssten direkt an die richtige Stelle in den mehrstündigen Streams führen:
M60 200-m-Finale: https://youtu.be/frJFCP9s2V0?t=20047
M60 400-m-Finale: https://youtu.be/BXlSR2c_8jI?t=9247
M60 4x200-m-Staffel: https://youtu.be/DYhBlDTx8s4?t=23430

--> zu den kompletten Ergebnissen
--> zum Bericht von Guido Müller