02.09.2026
Zurück aus Südkorea mit 4x WM-Gold im Gepäck
Gerhard Zorn liefert herausragende Ergebnisse bei der Masters-WM ab
Die weite Reise nach Daegu in Südkorea zur Senioren-WM vom 22. August bis 3. September hat sich für Gerhard Zorn gelohnt. Neben vier WM-Goldmedaillen durfte er sich auch über einen weiteren Europarekord freuen.
Im Folgenden sind einige der Eindrücke zusammengestellt, die uns Gerhard regelmäßig während seines Aufenthalts nach Deutschland übermittelt hat – inklusive einiger Beobachtungen neben der Laufbahn.
„Meine Wettkämpfe in der Altersklasse M70 begannen mit dem Vorlauf über 100 m. Da war ich noch ein wenig durch die zu kurz bemesse Akklimatisierung „beschädigt“. Meine Frau, mein ältester Sohn und ich trafen erst Freitagabend in Daegu ein, konnten gerade noch mein Starterpaket mit den Startnummern abholen und uns ein wenig mit der Örtlichkeit bekannt machen. Der Vorlauf begann um 9 Uhr früh, war unkritisch und mit 13,79 Sekunden auch nicht anstrengend.
Beim Semifinale am Sonntag konnte ich mich auf 13,22 Sekunden verbessern. Auch das war ein lockerer Lauf, den ich als Zweiter beendete. Vor mir lief der Spanier Juan Carlos Rodriguez in 12,97 Sekunden ins Ziel. Er war erst vor wenigen Wochen neuen Europarekord in 12,60 Sekunden gelaufen und war damit ein Anwärter auf den Sieg. Im anderen Semifinale war der Brite Steven Peters locker mit 13,23 Sekunden als Erster durchs Ziel gegangen.
Beim 100-m-Finale knieten wir nebeneinander an der Startlinie. Ich erwischte einen sehr guten Start, Rodrigeuz auch, Peters aber gar nicht. Ich konnte einen kleinen Vorsprung gegenüber den anderen verteidigen und ging als Erster mit 12,87 Sekunden sowie vier Hundertstel Vorsprung vor Peters durchs Ziel. Da war sie also, die Goldmedaille. So konnte es gerne weitergehen.
Eindrücke vom drumherum
Ich merkte bald, dass das Abschneiden bei den weiteren Wettkämpfen erheblich davon abhängen würde, ob man es schafft, ausreichend zu rehydrieren und zu remineralisieren. Glücklicherweise kam ich gut mit der koreanischen Küche zurecht. Die Aufwärmmöglichkeiten im Hauptstadion waren sehr gut. Auf einem der oberen Ränge im Stadion waren ca. 300 Meter mit einer Kunststoffbahn belegt. Daneben gab es auf der Innenraumebene einen Raum mit vier 50 Meter langen Bahnen zum Aufwärmen. In diesem Raum war es jedoch genauso warm und schwül wie draußen.
Nach dem 100-m-Finale sah der Zeitplan für mich eine Lücke von drei Tagen vor. Das nutzten wir für diverse touristische Aktivitäten: Wir besuchten u.a. einen Park mit Zoo – kein Vergnügen bei 37 Grad und drückender Schwüle –, einen Tempelkomplex, das Nationalmuseum, einen Nationalpark mit Tempelanlage. Danach waren wir wegen der drückenden Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit von der Touristik erstmal bedient.
200 m und ein spontaner Staffeleinsatz
Am Donnerstag gewann ich den 200-m-Vorlauf entspannt in 27,98 Sekunden. Meine beiden Konkurrenten aus Spanien und Großbritannien konnten sich ebenfalls für die nachfolgenden Läufe schonen.
Eigentlich wäre der Tag damit für mich zu Ende gewesen, aber ich wurde gebeten, in der deutschen M60-Staffel über 4x100 m mitzulaufen. Das wollte ich nicht abschlagen. Allerdings musste zur Komplettierung neben mir mit 70 Jahren noch ein weiterer Kollege mit 69 Jahren einspringen. In dieser Zusammensetzung waren wir nicht konkurrenzfähig und kamen leider nur als Fünfte ins Ziel.
Am Freitag wartete der anstrengendste Tag der Meisterschaft für mich. Für den Vormittag war das Semifinale über 300 m Hürden angesetzt. Ich war diese Distanz überhaupt noch nie in einem Wettkampf gelaufen und wollte das mal ausprobieren, weil die 300 m für einen 400-m-Spezialisten eine schöne Strecke sind. Das Wetter war zu dieser Zeit extrem: Es gab monsunartigen Regen und wir wurden schon auf dem Weg zum Start tropfnass. Ich kam trotzdem super mit dem Anlauf zur ersten Hürde zurecht und auch der Rest verlief so gut, dass ich nach den beiden Semifinalläufen mit 50,60 Sekunden die beste Qualifikationszeit hatte. Da machten die Hürdenspezialisten schon Augen, denn in dieser Rolle kannten sie mich bisher nicht.
Ich musste dann einige Stunden im Stadion totschlagen, denn für den Nachmittag war das 200-m-Semifinale angesetzt. Nachdem das Finale nur gut eine Stunde danach stattfinden sollte, wollte sich keiner aus der Spitzengruppe verausgaben. Deswegen liefen wir zum Teil Zeiten, die schlechter waren als im Vorlauf. Bei mir waren es entspannte 28,14 Sekunden. Im 200-m-Finale konnte ich meine Hauptkonkurrenten Rodriguez und Peters vor mir sehen – und sie konnten erst ausgangs der Kurve sehen, wo ich war. Viele Jahre war ich nach dem Start immer hinten. Aber dieses Jahr habe ich es durch verschiedene Umstellungen geschafft, schon nach dem Start vorne mit dabei zu sein. Im Finale hatte ich deswegen den anderen schnell ein paar Meter abgenommen und konnte meinen Vorsprung ins Ziel retten. Die 26,14 Sekunden waren schon deutlich schlechter als mein kürzlich in Dachau gelaufener Europarekord (25,87 Sekunden, --> hier nachlesen), aber hier spielte halt das schwüle Wetter eine nachteilige Rolle.
300 m Hürden
Für Samstagvormittag war das Finale über 300 m Hürden angesetzt. Es regnete wieder stark und ich ging das Rennen zu forsch an, kam zu nahe an die erste Hürde, musste stark abbremsen und nach oben springen. Dabei geht natürlich die gesamte Anlaufgeschwindigkeit verloren, sodass der Brite David McNair auf der Bahn links neben mir an mir vorbeizog. Ich wusste aber, dass ich zwischen den Hürden schneller sein konnte als alle anderen. So kam es auch. Ich merkte, dass ich mit McNair bald gleichauf lag. Jetzt bloß keinen Fehler mehr machen, dachte ich mir. Ich überquerte die beiden letzten Hürden viel zu hoch, hatte aber noch genug Körner für einen kräftigen Schlussspurt übrig, der mich als Erster ins Ziel brachte. Mit den erreichten 47,95 Sekunden war ich mehr als zufrieden.
400 m
Zum Abschluss stand noch meine eigentliche Spezialdistanz an, die Stadionrunde über 400 m. Der Vorlauf/Halbfinallauf stelle kein Problem dar, ich gewann ihn in 61,99 Sekunden. Rodriguez konnte sich mit knapp 69 Sekunden schonen, Peters kam mit dem Wetter nicht mehr zurecht und hatte abgesagt.
Pünktlich eine Stunde vor dem Finale über 400 m gab es wieder einen unglaublichen Regenguss, der aber rechtzeitig zum Start vorbei war. Leider herrschten aber ordentliche Windböen. Ich wollte das Rennen nicht nur gewinnen, sondern auch eine gute Zeit laufen, wie es mir in den vergangenen Wochen im Training mehrfach gelungen war. Den Europarekord meines inzwischen verstorbenen Vereinskollegen Guido Müller (59,34 Sekunden) hatte ich durchaus im Visier, weswegen ich das Rennen sehr mutig anging. Als ich nach 300 Meter ausgangs der Zielkurve ankam, blies mir ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht. Entsprechend schwer fielen mir die letzten 100 Meter. Zum Glück konnte ich meinen Vorsprung bis ins Ziel retten. Mit 59,07 Sekunden war ich zwar nicht ganz die gewünschte Zeit gelaufen, aber den Europarekord hatte ich doch unterboten – und somit die vierte Goldmedaille im Gepäck.
Nach insgesamt elf Läufen in Daegu war ich dann froh, als es vorbei war und ich die Masters-WM unverletzt überstanden hatte."